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Ein Ticket übrig in Mülheim

Aylin, 26 · Köln

Ich hatte zwei Tickets, ein frisch gebügeltes Top und eine beste Freundin mit Magen-Darm. Das war die Lage am Donnerstag um 17:40 Uhr, und keine dieser drei Tatsachen ließ sich noch ändern.

„Es tut mir so leid, Aylin“, krächzte Selin am Telefon. „Ich schaffe es gerade nicht mal vom Bad bis in die Küche.“

„Schon gut“, sagte ich, und weil ich eine gute Freundin bin: „Soll ich dir Zwieback bringen?“

„Bring mir gar nichts. Geh hin. Nimm irgendwen mit. Nimm den Typen mit.“

„Welchen Typen?“

„Aylin. Du weißt genau, welchen Typen.“

Ich wusste genau, welchen Typen. Er hieß Jannik, war achtundzwanzig, Sozialarbeiter in Kalk, und wir schrieben uns seit zehn Tagen. Kennengelernt hatten wir uns auf einer Dating-Seite, wegen eines Fotos, auf dem ich ein T-Shirt genau dieser Band trage. Seine erste Nachricht war gewesen: „Endlich jemand, der die auch kennt. Ich dachte, die hören nur ich und meine Schwester.“ Die Band heißt Nachtfalterorchester, kommt aus Hamburg, macht melancholischen Indie-Pop mit viel zu vielen Trompeten und spielte an diesem Abend im E-Werk in Mülheim. Ich hatte die Tickets vor fünf Monaten gekauft.

Wir hatten uns noch nie gesehen. Wir hatten vage davon gesprochen, „irgendwann nächste Woche“ einen Kaffee zu trinken. So macht man das. Man trinkt einen Kaffee, am Nachmittag, bei Tageslicht, mit Ausstiegsmöglichkeit. Man schreibt nicht an einem Donnerstag um Viertel vor sechs: „Spontane Frage. Hast du heute Abend Zeit? Ich hab ein Ticket übrig.“

Ich schrieb es trotzdem. Dann legte ich das Handy mit dem Display nach unten aufs Bett, ging in die Küche meiner WG in der Südstadt, öffnete den Kühlschrank, starrte zwei Minuten hinein, ohne irgendetwas zu sehen, und ging zurück.

„Ist das dein Ernst?? Ja!! Wann, wo?“

Zwei Fragezeichen, zwei Ausrufezeichen. Ich mochte ihn jetzt schon ein bisschen mehr.

Wir verabredeten uns für halb acht vor dem E-Werk. Ich fuhr mit der Bahn quer durch die Stadt und über den Rhein, sah aus dem Fenster auf das Wasser, das in der Abendsonne glitzerte, und probte innerlich Begrüßungen. Hand geben? Zu förmlich. Umarmung? Zu viel. Winken, aus drei Metern Entfernung, wie eine Flugbegleiterin? Ich bin sechsundzwanzig, studiere Medienwissenschaften im Master und schreibe gerade eine Hausarbeit über Nähe und Distanz in digitaler Kommunikation. Und ich hatte keine Ahnung, wie man einen Mann begrüßt, den man bisher nur als Profilbild und Sprachnachricht kannte.

Vor dem E-Werk war es voll. Leute in Bandshirts, Leute mit Kölsch in der Hand, Leute, die aussahen, als wären sie zu alt für diese Musik, und Leute, die aussahen, als wären sie zu jung. Ich stellte mich an die Wand neben dem Eingang und schrieb: „Bin da. Schwarzes Top, gelbe Jacke, verzweifelter Blick.“

„Ich auch. Blaues Hemd, Brille, noch verzweifelterer Blick.“

Ich sah mich um. Es gab ungefähr vierzig Männer mit blauem Hemd und Brille. Dann tippte mir jemand auf die Schulter.

„Gelbe Jacke“, sagte er. „Sehr gute Wahl. Man findet dich sofort.“

Er war etwas kleiner, als ich erwartet hatte, hatte dunkle Locken, die ihm in die Stirn fielen, und ein schiefes Lächeln, schief auf die gute Art. Wir umarmten uns. Es war ungeschickt, weil ich nach links auswich und er auch, aber am Ende landeten wir irgendwie in der Mitte, und er roch nach frischer Wäsche und ein bisschen nach Fahrradkette.

„Ich bin mit dem Rad gekommen“, sagte er, als er merkte, dass ich schnupperte. „Von Kalk. In zwölf Minuten. Persönlicher Rekord.“

„Du hast dich beeilt.“

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„Ich hatte Angst, dass du es dir anders überlegst.“

Das Konzert war laut und schön und viel zu voll. Wir standen im hinteren Drittel, ein Kölsch in der Hand, dann zwei, dann drei, weil die Schlange an der Theke zwischendurch überraschend kurz war, und irgendwann hörte ich auf zu zählen. Bei den ruhigen Songs standen wir nebeneinander, und ich merkte, wie sein Arm meinen berührte, erst zufällig, dann nicht mehr zufällig. Bei den schnellen Songs sprangen wir, und bei „Grauer Himmel über Altona“, dem Lied, das ich seit der Oberstufe auswendig kann, sangen wir beide so laut und falsch mit, dass sich ein Mädchen vor uns umdrehte und uns den Daumen zeigte.

Irgendwann, zwischen zwei Liedern, beugte er sich zu mir und sagte mir etwas ins Ohr. Ich verstand kein Wort. Ich spürte nur seinen Atem an meinem Hals und nickte einfach. Später erfuhr ich, dass er gefragt hatte, ob ich Hunger habe. Mein Nicken war die ehrlichste Antwort des Abends.

Nach der Zugabe standen wir draußen auf der Schanzenstraße, die Ohren pfeifend, die Wangen heiß. Es war kurz vor elf und immer noch warm. Jannik schob sein Rad neben mir her, und an einer Bude an der Frankfurter Straße holten wir uns Pommes rot-weiß, die wir im Gehen aßen, aus einer Schale, mit zwei Holzgäbelchen, die ständig abbrachen.

„Also“, sagte er mit vollem Mund. „Bewertung. Erstes Date. Eins bis zehn.“

„Ist das hier ein Date?“

„Du hast mir um Viertel vor sechs ein Ticket angeboten. Das ist mindestens ein Date. Vielleicht sogar ein Heiratsantrag.“

„Acht“, sagte ich. „Punktabzug wegen der Umarmung.“

„Die Umarmung war großartig!“

„Die Umarmung war ein Unfall mit Überlebenden.“

Er lachte so laut, dass sich eine Gruppe vor einem Kiosk nach uns umdrehte.

Wir hätten beide nach Hause fahren können, er mit dem Rad nach Kalk, ich mit der Bahn in die Südstadt. Stattdessen fuhren wir zusammen mit der Bahn zurück in die Altstadt, sein Rad im Mehrzweckabteil, ich daneben auf dem Klappsitz, und stiegen am Heumarkt aus. Er sagte, er wolle mich nach Hause bringen. Ich sagte, das sei ein riesiger Umweg für ihn. Er sagte, das sei ihm egal. Ich sagte nichts mehr, weil ich zu sehr damit beschäftigt war, nicht zu grinsen.

Wir liefen am Rhein entlang nach Süden, am Schokoladenmuseum vorbei, in dem ich als Kind bei jedem Schulausflug heimlich zu viele Proben gegessen habe, bis in den Rheinauhafen. Die Kranhäuser standen beleuchtet vor dem schwarzen Himmel, drei gläserne Riesen, die sich über das Wasser beugen, auf der anderen Rheinseite blinkten die Lichter von Deutz, und irgendwo auf einem Schiff lief leise Schlagermusik. Wir setzten uns auf die Stufen am Wasser, das Rad an ein Geländer gelehnt, und redeten. Über seine Arbeit mit Jugendlichen, die ihm jeden Tag das Herz brechen und es wieder zusammenkleben. Über meine Hausarbeit, über Nähe und Distanz und die Ironie, dass ich genau darüber schreibe und vorhin trotzdem nicht wusste, wie man jemanden umarmt.

„Soll ich dir zeigen, wie es richtig geht?“, fragte er. „Für die Forschung.“

„Für die Forschung“, sagte ich.

Diesmal wich keiner von uns aus. Die Umarmung wurde lang und warm, und irgendwann wurde sie zu einem Kuss, der nach Kölsch und Ketchup schmeckte und trotzdem, oder gerade deshalb, einer der besten war, die ich je bekommen habe. Das Wasser schwappte gegen die Kaimauer, ein Frachtschiff zog langsam rheinaufwärts, und ich dachte, dass ich diese Szene in keiner Hausarbeit der Welt beschreiben könnte, ohne dass mein Professor „zu kitschig“ an den Rand schreibt.

Um halb zwei standen wir vor meiner Haustür in der Nähe vom Chlodwigplatz. Ich hätte ihn hochbitten können. Ich wollte es auch, und ich glaube, er sah es mir an. Aber meine Mitbewohnerin schlief, meine Wimperntusche war verschmiert, und ein Teil von mir wollte, dass dieser Abend genau so blieb: ein perfekter, spontaner, unvollständiger Donnerstag.

„Nächste Woche?“, fragte er. „Mit Kaffee, bei Tageslicht, mit Ausstiegsmöglichkeit?“

„Ich brauche keine Ausstiegsmöglichkeit“, sagte ich.

Er küsste mich noch einmal, kurz und sehr bestimmt, stieg auf sein Rad und fuhr die Severinstraße hinunter, und ich hörte ihn noch zwei Ecken weiter falsch pfeifen. „Grauer Himmel über Altona“, natürlich. Am nächsten Morgen schrieb mir Selin, halb tot vom Sofa: „Und??“ Ich schickte ihr ein Foto der leeren Pommesschale, die ich aus irgendeinem Grund mit nach Hause genommen hatte. Sie verstand sofort.

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