Dienstags, fünfundvierzig Minuten
Anja, 43 · Dresden
Mein Leben passt in einen Kalender, der auf dem Kühlschrank hängt und von drei Farben regiert wird. Blau ist Lotta, sechzehn, Geige, Volleyball und eine Meinung zu allem. Grün ist Ben, dreizehn, Schwimmtraining, Zahnspange und eine bemerkenswerte Fähigkeit, Turnbeutel in öffentlichen Verkehrsmitteln zu vergessen. Rot bin ich: die Apotheke in Striesen, Dienste, Elternabende, Einkauf. Freie Felder gibt es auf diesem Kalender nicht. Außer einem.
Dienstags um halb drei setze ich Lotta vor ihrer Geigenlehrerin in der Äußeren Neustadt ab. Um Viertel nach drei muss ich zurück in Striesen sein, weil dann die Nachmittagsschicht beginnt und Frau Pietsch, meine Kollegin, pünktlich wie ein Uhrwerk ihre Mittagspause antritt. Dazwischen liegen fünfundvierzig Minuten, in denen niemand etwas von mir will. Zwei Jahre lang habe ich sie in einem Café mit der Zeitung verbracht und mich dabei gefühlt wie jemand, der heimlich ein Stück Schokolade isst.
Dann hat Kerstin, meine beste Freundin, mir ein Profil auf einer Dating-Seite eingerichtet. „Du hast eine Stunde pro Woche“, hat sie gesagt. „Das reicht für einen Kaffee. Mehr musst du ja nicht.“ Ich habe gelacht und das Profil drei Wochen ignoriert. Dann hat mir Henrik geschrieben, sechsundvierzig, Tischler mit Werkstatt in der Neustadt, auf seinem Foto mit Sägespänen im Bart. Seine erste Nachricht lautete: „Ich habe gelesen, dass Sie wenig Zeit haben. Ich auch. Wie wäre es mit einem Kaffee, der genau so lange dauert, wie er dauern muss?“
Ich habe ihm geschrieben: „Fünfundvierzig Minuten. Dienstags. Keine Sekunde länger.“ Er hat geantwortet: „Ich stelle mir einen Wecker.“
Das erste Treffen ist in der Kunsthofpassage, in einem kleinen Café im Hof der Elemente, wo an der blauen Hauswand ein Gewirr aus Regenrinnen, Trichtern und Blechschalen hängt. Wenn es regnet, spielen die Rohre Musik. An diesem Dienstag regnet es nicht, aber Henrik sitzt schon da, vor ihm auf dem Tisch ein kleiner Küchenwecker aus Metall, der tatsächlich tickt.
„Sie haben ihn wirklich mitgebracht“, sage ich.
„Ich halte mich an Abmachungen.“ Er dreht ihn auf fünfundvierzig. „Ab jetzt.“
Wir trinken Milchkaffee, und die ersten zehn Minuten sind so steif, als säßen wir bei einem Bewerbungsgespräch für eine Stelle, die keiner von uns will. Er erzählt von seiner Werkstatt, ich erzähle von der Apotheke. Dann fragt er, was das Seltsamste sei, wonach mich ein Kunde je gefragt hat, und ich erzähle von dem älteren Herrn, der eine Salbe gegen „Liebeskummer an der Wade“ wollte. Henrik lacht so laut, dass eine Taube vom Fensterbrett auffliegt, und danach ist das Eis weg.
Als der Wecker klingelt, bin ich mitten in einem Satz. Er schaut auf das Ding, dann auf mich. „Das ist grausam“, sagt er.
„Das ist mein Leben“, sage ich, greife nach meiner Jacke und bin schon halb aus dem Hof, als er hinter mir herruft: „Nächsten Dienstag?“
Ich drehe mich nicht um. Ich hebe nur die Hand. Aber ich lächle bis zur Albertbrücke.
Aus einem Dienstag werden sechs. Wir treffen uns immer im selben Café, und der Wecker steht immer auf dem Tisch. Er ist inzwischen eine Art drittes Familienmitglied geworden. Henrik hat ihm einen Namen gegeben, Herr Ticktack, und behauptet, Herr Ticktack sei eifersüchtig, weil ich ihn nie ansehe. An einem Dienstag regnet es endlich, und wir sitzen unter der Markise, während die Regenrinnen an der Wand zu klingeln und zu glucksen beginnen, ein seltsames, fröhliches Blechkonzert. Henrik hält mir seine Hand hin, die Handfläche nach oben, ganz beiläufig, als wolle er nur prüfen, ob es regnet. Ich lege meine hinein. Wir hören der Wand zu und sagen minutenlang nichts, und es sind die schönsten Minuten meiner Woche.
Am siebten Dienstag küsst er mich. Nicht im Café, sondern im Torbogen zur Görlitzer Straße, als der Wecker bereits geklingelt hat und ich eigentlich schon rennen müsste. Er schmeckt nach Kaffee und ein bisschen nach Zimt, und ich komme an diesem Nachmittag acht Minuten zu spät in die Apotheke. Frau Pietsch sieht mich lange über ihre Lesebrille an und sagt nur: „Sie haben Lippenstift am Kinn, Frau Doktor.“ Ich bin keine Doktorin. Aber an diesem Tag korrigiere ich sie nicht.
Den Kindern habe ich nichts erzählt. Nicht, weil es ein Geheimnis sein soll, sondern weil es mir gehört. Weil es in meinem Kalender das einzige Feld ist, das keine Farbe hat. Ich hätte wissen müssen, dass man vor Teenagern nichts verbergen kann, was farblos ist.
Am neunten Dienstag fällt Lottas Geigenstunde aus. Ihre Lehrerin hat Fieber, und das erfährt Lotta per Nachricht, als ich schon wieder auf dem Weg zur Straßenbahn bin. Was ich nicht weiß: Ben hat an diesem Tag schulfrei, weil in seiner Schule die Heizung repariert wird, und die beiden beschließen, sich in der Neustadt ein Eis zu holen. Und was ich noch weniger weiß: Lotta hat mich einmal in der Kunsthofpassage verschwinden sehen und seitdem eine Theorie.
Ich sitze also da, Henrik hat gerade den Wecker aufgezogen, meine Hand liegt auf seiner, und im Durchgang zum Hof stehen plötzlich zwei Gestalten, die ich besser kenne als mich selbst. Lotta mit verschränkten Armen. Ben mit einem Eis, das ihm gerade über die Finger läuft.
„Aha“, sagt Lotta.
Ich ziehe die Hand zurück, als hätte ich auf eine Herdplatte gefasst. Henrik schaut von mir zu den beiden und wieder zu mir. „Lass mich raten“, sagt er leise. „Blau und Grün?“
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Jetzt Single Frauen treffenDie beiden kommen an den Tisch. Ben setzt sich ungefragt auf den freien Stuhl und mustert Henrik mit dem Blick eines Zollbeamten. „Was machen Sie beruflich?“
„Ich bin Tischler.“
„Können Sie einen Schreibtisch bauen, der nicht wackelt? Meiner wackelt nämlich. Mama hat ihn aus dem Möbelhaus.“
„Ben!“, sage ich.
„Ich kann“, sagt Henrik ernsthaft. „Dafür bräuchte ich aber die Maße. Und eine Einladung.“
Lotta hat in der Zwischenzeit ihr Handy gezückt und scrollt mit hochgezogenen Augenbrauen. „Ich hab dich gefunden“, sagt sie zu Henrik. „Deine Werkstatt hat eine Website. Die Schrift ist schrecklich.“
„Die hat mein Neffe gemacht“, sagt Henrik. „Er ist vierzehn.“
„Das sieht man.“ Sie steckt das Handy weg und setzt sich auf die Tischkante. „Wie lange geht das schon?“
„Neun Dienstage“, sagt Henrik, bevor ich lügen kann.
„Neun?“ Lotta sieht mich an, halb empört, halb beeindruckt. „Mama. Du hast zwei Monate lang eine heimliche Affäre im Kalenderloch?“
„Das ist keine Affäre“, sage ich. „Das ist ein Kaffee.“
In diesem Moment klingelt Herr Ticktack. Laut, blechern, völlig unbeeindruckt von der Familienkonferenz. Ben lässt vor Schreck sein Eis fallen. Lotta starrt auf den Wecker, dann auf Henrik, dann auf mich, und dann fängt sie an zu lachen. Richtig zu lachen, so wie sie seit der Trennung von ihrem Vater nicht mehr gelacht hat, mit zurückgeworfenem Kopf, bis ihr die Wimperntusche verläuft.
„Ihr stellt euch einen Wecker?“, keucht sie. „Ihr seid die uncoolsten Menschen, die ich je gesehen habe.“
„Wir sind sehr pünktlich“, sagt Henrik würdevoll.
Ich muss los, natürlich. Frau Pietsch wartet. Die Kinder begleiten mich zur Straßenbahn, und auf dem ganzen Weg über die Elbe führen sie ein Verhör, das jeder Kriminalpolizei Ehre machen würde. Ob er Kinder hat. Einen Sohn, Anfang zwanzig, in Freiberg. Ob er kochen kann. Keine Ahnung. Ob er einen Hund hat. Nein, nur einen Wecker.
Am Abend, als ich nach der Schicht nach Hause komme, hängt am Kühlschrank ein neuer Zettel neben dem Kalender. Lottas Handschrift: „Sonntag, 18 Uhr. Abendessen. Tischler mitbringen. Ben will seinen Schreibtisch.“ Darunter, in Bens krakeliger Schrift: „Und den Wecker!!!“
Ich schreibe Henrik. Er antwortet in weniger als einer Minute: „Ich bringe Wein, einen Zollstock und Herrn Ticktack. Darf ich trotzdem meinen Dienstag behalten?“
Ich sehe auf den Kalender, auf die blauen, grünen und roten Felder, und auf das eine leere Feld am Dienstag, das jetzt nicht mehr ganz leer ist. Dann nehme ich einen Stift und male es aus. In einer neuen Farbe. Gelb, wie das Licht im Hof der Elemente, kurz bevor es anfängt zu regnen.
„Der Dienstag bleibt“, schreibe ich zurück. „Der gehört nur uns. Sonntag gehört dem Verhörkommando.“







