Plattfuß am Aasee
Paula, 27 · Münster
Die Nachricht war schon geschrieben. Sie lag seit zwei Stunden in meinem Handy, fertig formuliert, freundlich und ein bisschen feige: „Hallo Moritz, es tut mir wirklich leid, aber im Labor ist gerade die Hölle los, und ich schaffe es morgen leider nicht. Vielleicht ein andermal? Liebe Grüße, Paula.“
Das mit dem Labor war nicht einmal gelogen. Ich bin siebenundzwanzig und schreibe meine Doktorarbeit in Biologie über die Regeneration von Flossen bei Zebrafischen, und meine Fische hatten sich in dieser Woche entschieden, genau das nicht zu tun. Aber der eigentliche Grund war ein anderer. Ich schrieb seit Wochen mit Moritz, auf einer Dating-Seite, auf der ich mich nach einer sehr langen, sehr einsamen Laborphase angemeldet hatte, und seine Nachrichten waren so gut, dass ich Angst bekommen hatte. Wenn jemand schriftlich witzig, klug und aufmerksam ist, kann er im echten Leben eigentlich nur enttäuschen. Oder schlimmer: Ich enttäusche ihn.
Also beschloss ich, erst eine Runde um den Aasee zu fahren und die Nachricht danach abzuschicken. Das ist meine Methode für schwierige Entscheidungen: Ich fahre im Kreis, bis ich müde genug bin, um feige zu sein, ohne mich schlecht zu fühlen.
Es war ein Mittwochabend im Juni, und rund um den See war halb Münster unterwegs. Jogger mit Pulsuhren, Studierende mit Einweggrills, Familien, deren Kinder auf den riesigen Billardkugeln am Ufer herumkletterten. Die Sonne stand tief, das Wasser glitzerte, und ich hatte das Gefühl, dass alle Menschen um mich herum ein unkomplizierteres Leben führten als ich.
Kurz vor der Torminbrücke gab es einen Knall, dann ein Zischen, dann fuhr ich auf der Felge. Ich stieg ab und starrte auf den Hinterreifen, in dem ein kleiner, glänzender Nagel steckte, so selbstbewusst, als hätte er schon immer dorthin gehört.
„Ernsthaft?“, sagte ich laut zu dem Nagel.
„Ein Klassiker“, sagte jemand hinter mir. „Nach jedem Grillabend ist der Weg hier ein Minenfeld.“
Ein Mann auf einem Rennrad war neben mir stehen geblieben. Er trug das verschwitzte Shirt eines Firmenlaufs und eine Sonnenbrille, die er in die Haare geschoben hatte, und holte aus seiner Satteltasche bereits Reifenheber, einen Ersatzschlauch und eine Minipumpe, bevor ich „Danke, nicht nötig“ sagen konnte. Was ohnehin gelogen gewesen wäre. Ich besitze keine Pumpe. Ich besitze ein Fahrrad, das ich einmal im Jahr in einen Laden an der Hammer Straße bringe, damit sich andere Leute darum kümmern.
„Mein Schlauch hat eigentlich die falsche Größe“, sagte er, „aber mit etwas Gewalt geht das. Darf ich?“
„Nur zu“, sagte ich. „Ich bin Biologin. Ich kann Zellen zählen, aber keine Reifen wechseln.“
Er lachte. Es war ein sehr eigenes Lachen: kurz, etwas heiser, dann ein kleiner Nachklapp, als würde ihm der Witz beim zweiten Hören erst richtig gefallen. Ich kannte dieses Lachen nicht, und trotzdem kam es mir vertraut vor, so wie einem ein Satz vertraut vorkommt, den man gelesen, aber nie gehört hat.
Während er den Mantel von der Felge hebelte, erzählte er, dass er Vermessungsingenieur sei und den halben Tag auf Baustellen herumlaufe. „Ich vermesse Dinge, die schon da sind“, sagte er. „Sehr beruhigend. Da wächst nichts nach, und es schrumpft auch nichts.“
Ich erstarrte. Genau diesen Satz hatte ich gelesen. Vor vier Tagen, um zwei Uhr nachts, als Antwort auf meine Nachricht, in der ich mich über meine Zebrafische beschwert hatte.
„Moritz?“, fragte ich.
Er sah hoch, einen Reifenheber in der Hand, Schmieröl am Unterarm. Sein Gesicht durchlief in etwa zwei Sekunden vier Zustände: Verwirrung, Erkenntnis, Freude, Panik.
„Paula?“, sagte er. „Oh nein. Ich sehe furchtbar aus. Für morgen hatte ich ein Hemd eingeplant.“
„Ich wollte absagen“, platzte es aus mir heraus. Dann schlug ich mir die Hand vor den Mund. „Das hätte ich jetzt nicht sagen sollen.“
„Nein, das ist gut“, sagte er, und er klang tatsächlich erleichtert. „Ich hatte nämlich auch schon eine Absage geschrieben. Wegen einer Baustelle in Gievenbeck. Die es nicht gibt.“
Wir sahen uns an, er auf den Knien im Kies, ich neben einem kaputten Fahrrad und mit einer Nachricht im Handy, die ich nun definitiv nicht mehr abschicken musste. Und dann lachten wir beide so laut, dass ein Ruderboot auf dem See langsamer wurde.
Der Schlauch passte wirklich nicht richtig, aber er hielt. Moritz pumpte mit der Minipumpe, bis ihm der Schweiß auf der Stirn stand, und ich hielt das Rad fest und tat so, als sei das eine anspruchsvolle Aufgabe.
„Wir könnten“, sagte er schließlich und wischte sich die Hände an einer Serviette ab, die ich ganz unten in meiner Tasche gefunden hatte, „das Date einfach vorziehen. Dann muss keiner von uns lügen.“
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Jetzt Single Frauen treffen„Du siehst furchtbar aus“, sagte ich. „Hast du selbst gesagt.“
„Und du hast Kettenschmiere im Gesicht.“
Ich hatte tatsächlich einen schwarzen Streifen auf der Wange. Er hatte ihn wohl schon eine Weile gesehen und nichts gesagt, was ich ihm später als Zeichen großer Güte anrechnete.
Wir schoben die Räder hinüber zu den Aaseeterrassen und setzten uns draußen an einen Tisch mit Blick aufs Wasser. Er bestellte einen Cappuccino, ich einen Eiskaffee, weil mir nach so viel Aufregung heiß war. Die ersten Minuten waren seltsam. Wir kannten uns ja, zumindest schriftlich. Wir wussten, welche Serien der andere mochte, dass er Koriander hasst und ich Angst vor Gänsen habe. Aber wir wussten nicht, wie der andere beim Reden die Hände bewegt, wie er beim Nachdenken zur Seite schaut, wie er riecht, wenn der Wind richtig steht. Nach Sonnencreme und Kettenöl, übrigens. Ich hätte nie gedacht, dass mir das gefallen würde.
„Warum wolltest du absagen?“, fragte ich.
Er drehte seine Tasse. „Weil deine Nachrichten zu gut waren. Ich dachte, in echt kann ich da nur verlieren.“
Ich stellte meinen Eiskaffee ab. „Das ist exakt mein Grund. Wortwörtlich.“
„Dann sind wir entweder sehr kompatibel“, sagte er, „oder sehr neurotisch.“
„Das eine schließt das andere nicht aus. Dazu habe ich Daten.“
Eine Gans watschelte am Nachbartisch vorbei, und ich zog, ohne es zu wollen, die Füße auf den Stuhl. Moritz stand wortlos auf, stellte sich zwischen mich und die Gans und breitete die Arme aus wie ein Torwart beim Elfmeter. Die Gans musterte ihn verächtlich und ging weiter. Ich habe selten jemanden gesehen, der gleichzeitig so heldenhaft und so lächerlich war.
Als die Sonne hinter den Bäumen am anderen Ufer verschwunden war, schlug er vor, noch in die Stadt zu fahren. Wir fuhren langsam, weil mein Hinterreifen bei jedem Tritt ein leises, beleidigtes Geräusch machte, am Schloss vorbei, hinter dem mein Institut liegt, und dann hinein ins Kuhviertel. Die Gassen waren voll, vor den alten Kneipen standen die Leute mit ihren Gläsern auf dem Kopfsteinpflaster, und irgendwo spielte jemand Gitarre, schlecht, aber mit Hingabe.
Wir tranken eine Altbierbowle, weil Moritz fand, dass man das in Münster einmal im Leben freiwillig tun müsse, und ich beschloss, dass einmal reicht. Wir redeten über alles, was wir uns beim Schreiben noch nicht getraut hatten. Über seine Schwester, die in Kanada lebt und ihm fehlt. Über meine Angst, dass die Doktorarbeit nie fertig wird und ich mit vierzig immer noch Fische zähle. Über die Frage, ob man jemanden kennen kann, bevor man ihn gesehen hat.
„Ein bisschen“, sagte Moritz. „Aber das Wichtigste fehlt.“
„Was denn?“
Er sah mich an, lange, und ich spürte, wie mein Nacken warm wurde. „Wie jemand aussieht, kurz bevor er geküsst wird.“
„Und?“, fragte ich, und meine Stimme klang deutlich weniger souverän als geplant. „Wie sehe ich aus?“
„Als hättest du Kettenschmiere im Gesicht“, sagte er leise, wischte mir mit dem Daumen über die Wange und küsste mich, mitten auf dem Pflaster, zwischen einem Fahrradständer und einer Gruppe Erstsemester, die höflich so taten, als sähen sie nichts.
Er brachte mich nach Hause, das Rad schiebend, weil der Reifen am Ende doch wieder Luft verlor. Vor meiner Haustür blieb er stehen, als müsse er erst noch etwas vermessen.
„Wir haben morgen um vier ein Date“, sagte er. „Findet das noch statt?“
„Ich habe gehört, er hat eine Baustelle in Gievenbeck.“
„Die wurde gerade abgesagt.“
Die Nachricht in meinem Handy habe ich noch am selben Abend gelöscht. Am nächsten Tag um vier saß ich wieder an den Aaseeterrassen, ohne Kettenschmiere, in einem Kleid, das ich eigentlich für Hochzeiten aufhebe. Er kam im Hemd. Und mit einem neuen Schlauch für mein Fahrrad, in der richtigen Größe, als Geschenk verpackt, mit Schleife.







