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Gewitter im Hofbräukeller

Vroni, 41 · München

Dinge, die Stefan in vierzehn Jahren nicht wollte: Biergarten („zu laut“), Isar („zu voll“), Zelten („zu dreckig“), Tanzen („Ich tanze nicht, Vroni, das weißt du“), rote Unterwäsche („billig“), Spontanität im Allgemeinen und Gewitter im Besonderen, weil man bei Gewitter, wie er mir einmal ausführlich erklärt hat, statistisch gesehen eben doch vom Blitz getroffen werden kann.

Ich habe die Liste nach der Trennung auf einen Zettel geschrieben und an meinen Kühlschrank in Giesing geklebt. Meine Freundin Resi hat sie gesehen, laut gelacht und gesagt: „Das ist keine Liste, Vroni. Das ist dein Sommerprogramm.“

Im Juli war das sechs Monate her. Vierzehn Jahre Beziehung, davon neun verheiratet, keine Kinder, eine Doppelhaushälfte in Unterhaching, die wir verkauft haben, und ein Kater namens Herr Huber, den ich behalten habe. Ich bin einundvierzig, Grafikerin, arbeite freiberuflich für Verlage und kleine Brauereien, und ich habe im Frühjahr eine Zweizimmerwohnung in der Nähe vom Tegernseer Platz bezogen, mit knarzendem Parkett und einem Balkon, auf dem genau ein Stuhl Platz hat. Es ist der schönste Stuhl der Welt.

Ich strich die Punkte nacheinander ab. Tanzen: ein Salsakurs in der Au, bei dem ich ungefähr so elegant war wie ein Getränkekasten, aber sehr glücklich. Rote Unterwäsche: gekauft, getragen, für gut befunden, wenn auch bislang nur vor Herrn Huber. Biergarten: noch offen. Außerdem hatte ich mich, und das stand nicht auf Stefans Liste, weil es ihm nie eingefallen wäre, auf einer Dating-Seite angemeldet. Ohne großen Plan. Eher so, wie man in ein kaltes Becken steigt: erst der große Zeh, dann mal sehen.

Der Biergarten kam dann ganz ohne Profil und ohne Nachrichten. An einem Donnerstag Ende Juli hatte ich einen Termin bei einem Kunden in Haidhausen, und danach war der Abend so warm und golden, dass ich nicht heimfahren wollte. Ich ging zum Hofbräukeller am Wiener Platz, holte mir eine Mass und einen Obazdn mit Brezn und setzte mich an einen der langen Tische unter die Kastanien. Allein. Mit einundvierzig. Ich fand mich unglaublich mutig.

Ich hatte genau drei Schlucke getrunken, als der Himmel über dem Maximilianeum schwarz wurde. Es ging schnell, so wie es in München im Sommer eben schnell geht: erst ein Windstoß, der die Servietten von den Tischen fegte, dann ein Donner, dann Tropfen so dick wie Haselnüsse. Um mich herum sprangen alle auf und flüchteten mit ihren Krügen unter die Markisen, und ich rannte mit, die Mass in der einen Hand, den Obazdn in der anderen, und landete an einem überdachten Tisch, an dem schon ein Mann saß, der sich nicht vom Fleck gerührt hatte.

„Darf ich?“, fragte ich, tropfnass.

„Solange Sie den Obazdn teilen“, sagte er. „Meiner ist gerade weggeschwommen.“

Er hieß Andreas, war vierundvierzig, Tontechniker, der für Konzerte in der ganzen Stadt arbeitet, und hatte ein Gesicht, das aussah, als würde es oft und gern lachen. Er rückte zur Seite, und plötzlich saßen wir zu zehnt an einem Tisch für sechs: wir beide, eine Gruppe Studentinnen, zwei Rentner aus Trudering und ein japanisches Pärchen, das begeistert die Blitze über der Stadt fotografierte. Der Regen trommelte auf das Dach, das Wasser lief in Strömen über den Kies, und einer der Rentner erzählte vom Hagel von 1984, als wäre es ein persönlicher Kriegseinsatz gewesen.

„Mein Ex hätte jetzt gesagt, dass wir alle sterben“, sagte ich zu Andreas.

„Statistisch gesehen?“

Ich verschluckte mich an meinem Bier. „Woher wissen Sie das?“

„Ich hatte auch mal so jemanden.“ Er grinste. „Sie hat bei Gewitter immer alle Stecker gezogen. Auch den vom Kühlschrank.“

Ab dem zweiten Donner duzten wir uns. Ab dem dritten erzählte ich ihm von meiner Liste. Ich weiß nicht, warum. Vielleicht, weil die Luft so geladen war, vielleicht wegen der Mass, vielleicht, weil er zuhörte, ohne mich zu unterbrechen, und an den richtigen Stellen lachte.

„Und was steht noch drauf?“, fragte er.

„Isar. Und Zelten, aber das lasse ich vielleicht weg. Mit einundvierzig muss man nicht mehr alles beweisen.“

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„Die Isar ist aber Pflicht.“

„Findest du?“

„Am Flaucher“, sagte er. „Samstag. Ich bringe den Grill mit, du den Obazdn. Wenn es nicht gewittert.“

„Und wenn es gewittert?“

„Dann erst recht.“

Als der Regen nachließ, war es schon dunkel. Die Luft roch nach nassem Kies und Kastanienlaub. Andreas brachte mich bis zur Haltestelle am Max-Weber-Platz, und bevor ich einstieg, schrieb er mir seine Nummer auf einen Bierfilzl, weil keiner von uns einen Zettel dabeihatte. Ich habe den Bierfilzl noch. Er klebt jetzt neben der Liste am Kühlschrank.

Am Samstag war der Himmel so blau, als hätte es nie ein Gewitter gegeben. Ich fuhr mit dem Rad an der Isar entlang Richtung Süden, eine Dose Obazdn im Korb und einen Badeanzug unter dem Sommerkleid, den ich vorher dreimal an- und wieder ausgezogen hatte. Am Flaucher war schon halb München: Familien mit Kühlboxen, Studenten mit Musikboxen, Hunde, die sich ins flache Wasser warfen, und über allem der Geruch von Holzkohle.

Andreas hatte eine Kiesbank an einem Seitenarm erobert, ein Stück abseits, mit einem kleinen Grill, zwei Klappstühlen und einer Flasche Weißwein, die er im Wasser zwischen zwei Steinen kalt gestellt hatte. Er trug eine Badehose mit Ananasmuster und sah nicht so aus, als würde er sich dafür schämen.

„Die Ananas sind ein Statement“, sagte er, als er meinen Blick bemerkte.

„Wofür?“

„Für Männer über vierzig, die sich nichts mehr beweisen müssen.“

Wir grillten Würstl und Maiskolben, und ich ging zum ersten Mal seit Jahren in die Isar. Das Wasser war so kalt, dass ich schrie, laut und unelegant, und Andreas lachte so sehr, dass er fast von der Kiesbank rutschte. Dann kam er hinterher und schrie noch lauter. Wir ließen uns ein Stück von der Strömung treiben, und als wir an einer seichten Stelle wieder aufstanden, standen wir sehr nah beieinander, nass und außer Atem, und er strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Ich spürte seine kühlen Finger an meiner Schläfe und die Sonne auf meinen Schultern, und ich dachte: Das hier stand auf keiner Liste. Das hätte ich mir nicht einmal zu wünschen getraut.

Er küsste mich mitten in der Isar, mit einer Ente als einziger Zeugin.

Wir blieben, bis die Sonne hinter den Bäumen von Thalkirchen verschwand. Wir redeten über alles und nichts: über seine Tochter, die in Regensburg studiert, über meine Mutter, die mich nach der Trennung angerufen und nur gesagt hatte: „Endlich, Kind.“ Über Konzerte, die er abgemischt, und Etiketten, die ich gezeichnet hatte. Wir stellten fest, dass er schon Dutzende Flaschen mit meinen Etiketten geleert hatte, ohne es zu wissen. Er fand das romantisch. Ich fand es statistisch unwahrscheinlich, und dann mussten wir beide lachen, weil ich plötzlich klang wie Stefan.

Ich fuhr an diesem Abend nicht nach Hause. Und am Sonntagmorgen auch nicht. Herr Huber wurde von Resi gefüttert, die mir nur eine einzige Nachricht schickte: ein Foto meiner Kühlschrankliste, auf der sie „Isar“ mit rotem Stift durchgestrichen hatte, darunter drei Ausrufezeichen. Was an diesem Wochenende in Andreas' Wohnung in Sendling sonst noch geschah, gehört mir. Nur so viel: Die rote Unterwäsche hat endlich jemand anderes gesehen als Herr Huber.

Wir sehen uns jetzt seit sieben Wochen. Wir haben nichts beschlossen, nichts definiert und keine gemeinsame Liste geschrieben. Letzte Woche hat es wieder gewittert, abends, als wir auf meinem Balkon saßen, er auf dem schönsten Stuhl der Welt und ich auf seinem Schoß. Wir sind nicht hineingegangen. Wir haben dem Donner zugehört, die Sekunden bis zum nächsten Blitz gezählt, und keiner von uns hat einen Stecker gezogen.

Auf meiner Liste steht jetzt nur noch Zelten. Andreas sagt, er kenne einen Platz am Walchensee. Ich habe noch nicht Ja gesagt. Aber ich habe auch noch nicht Nein gesagt.

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