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Links herum durchs Viertel

Tjarda, 39 · Bremen

Tjarda Meiners hatte in ihrem Leben schon vieles koordiniert: Containerschiffe mit Tausenden Stellplätzen, Zollpapiere für Rotorblätter, einen Streik im Neustädter Hafen, bei dem am Ende alle Kuchen bekommen hatten und niemand gekündigt wurde. Was sie nicht koordinieren konnte, waren ihre eigenen Füße.

Das stellte sie an einem Donnerstagabend im Oktober fest, in einem Tanzstudio im ersten Stock über einem Imbiss am Ostertorsteinweg. Unten fuhren die Straßenbahnen so dicht an den Fenstern vorbei, dass die Scheiben leise klirrten. Oben stand Tjarda, neununddreißig, seit genau einem Jahr und elf Tagen getrennt, in den geliehenen Tanzschuhen ihrer Schwester, und zählte laut bis acht.

„Nicht laut zählen“, sagte die Lehrerin, eine zierliche Kubanerin namens Yaneisy, die aussah, als bestünde sie aus Federn. „Die Musik zählt für dich.“

„Die Musik zählt zu schnell“, sagte Tjarda.

Der Salsakurs war die Idee ihrer Schwester gewesen. „Du musst wieder unter Leute“, hatte Imke gesagt, „und zwar unter Leute, die nicht im Hafen arbeiten.“ Nach zwölf Jahren mit Sören, nach dem Reihenhaus in Findorff, in dem jetzt ein anderes Paar wohnte, nach dem Verkauf des gemeinsamen Autos und dem Aufteilen der Weihnachtsdeko hatte Tjarda irgendwann gemerkt, dass sie verlernt hatte, wie Flirten eigentlich funktioniert. Früher war das einfach passiert. Jetzt kam es ihr vor wie eine Fremdsprache, deren Vokabeln sie noch kannte, deren Grammatik sie aber vergessen hatte.

Parallel hatte sie sich auf einer Dating-Seite angemeldet. Das Profilfoto hatte Imke ausgesucht. Die Beschreibung hatte Tjarda viermal neu geschrieben und schließlich auf einen einzigen Satz gekürzt: „Ich bin aus der Übung, aber ich lache gern über mich selbst.“ Bisher hatte sie zwei Nachrichten bekommen. Eine davon war von einem Mann, der ihr einen Kredit anbieten wollte.

Bei der dritten Übung hieß es: Paarwechsel. Tjarda landete bei einem Mann, der mindestens so verloren wirkte wie sie. Groß, breite Schultern, graue Schläfen, ein kariertes Hemd, ordentlich in die Hose gesteckt, als wäre er zu einem Elternabend gekommen. Er hielt ihre Hand, als wäre sie aus Porzellan.

„Ich muss Sie warnen“, sagte er. „Ich bin heute zum ersten Mal hier und habe bisher zwei Frauen auf die Füße getreten.“

„Ich bin auch zum ersten Mal hier und habe einem Mann den Ellbogen in die Rippen gerammt“, sagte Tjarda. „Wir könnten das statistisch auswerten.“

Er lachte, und genau in diesem Moment setzte die Musik ein. Sie drehten sich. Genauer gesagt: Er drehte sie, sie drehte sich in die falsche Richtung, und für eine halbe Sekunde standen sie Nase an Nase, verknotet wie zwei Festmacherleinen, die jemand achtlos auf den Kai geworfen hat.

„Links“, sagte Yaneisy im Vorbeigehen. „Die Frau dreht nach links.“

„Das hat mir vorher auch keiner gesagt“, murmelte Tjarda.

„Mir hat man gesagt, ich soll führen“, sagte er. „Aber nicht, wohin.“

Er hieß Carsten, war dreiundvierzig und Physiotherapeut in Walle, seit zwei Jahren geschieden, mit einem erwachsenen Stiefsohn, der in Hamburg studierte. Das alles erfuhr sie in den nächsten vierzig Minuten, zwischen Grundschritt, Rückschritt und einer Drehung, bei der Carsten sie so beherzt führte, dass sie beinahe in einem Garderobenständer landete. Sie lachten so sehr, dass Yaneisy sie schließlich mit einer Mischung aus Mitleid und Belustigung an den Rand des Raumes schickte, „zum Üben“, wie sie sagte. Es klang nach Strafbank.

Nach der Stunde standen sie unten auf dem Bürgersteig, zwischen Fahrrädern und Studierenden mit Bierflaschen. Das Viertel roch nach Pommes, Regen und Räucherstäbchen aus dem Laden gegenüber.

„Ich glaube, ich komme nächste Woche nicht wieder“, sagte Carsten.

„Ich auch nicht“, sagte Tjarda. „Ich habe mein Talent heute gründlich ausgeschöpft.“

Dann standen sie da. Das war der Moment, in dem man früher einfach etwas gesagt hätte. Tjarda suchte in ihrem Kopf nach dem richtigen Satz und fand nur Bruchstücke aus Geschäftsmails: Bezug nehmend auf unser Gespräch. Anbei erhalten Sie. Mit freundlichen Grüßen.

„Hätten Sie vielleicht Lust …“, begann Carsten und brach ab. „Entschuldigung. Ich habe das seit etwa fünfzehn Jahren nicht mehr gemacht. Ich hatte mir einen Satz zurechtgelegt, und er ist weg.“

„Ich hatte gar keinen“, sagte Tjarda. „Nur ‚Mit freundlichen Grüßen‘.“

„Das ist wenigstens höflich.“ Er holte Luft. „Sonntag. Schlachte. Ein Spaziergang. Ohne Drehungen.“

„Ohne Drehungen“, sagte sie. „Das kriege ich hin.“

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Natürlich regnete es am Sonntag. Bremen hält sich an seine Klischees. Tjarda stand an der Bürgermeister-Smidt-Brücke, in einer gelben Regenjacke, die sie sonst nur bei der Arbeit am Kai trug, und kam sich vor wie eine Lotsin auf Freigang. Carsten kam mit einem riesigen Schirm, auf dem das Logo einer Krankenkasse prangte.

„Werbegeschenk“, sagte er. „Ich schäme mich.“

„Ich sehe aus wie eine Rettungsboje“, sagte sie. „Wir passen zusammen.“

Sie gingen die Schlachte entlang, die alte Uferpromenade an der Weser, wo im Sommer die Biergärten so voll sind, dass man kaum durchkommt. An diesem Nachmittag waren die meisten Stühle zusammengeklappt, das Wasser war graubraun und schnell, und auf der anderen Seite lag die Neustadt im Dunst. An der Kaje schaukelten ein paar Restaurantschiffe, deren Fenster beschlagen waren.

Sie stellte fest, dass es leichter wurde. Nicht elegant, nicht mühelos, aber leichter. Sie sprachen über ihre Trennungen, ohne sich darin zu verlieren. Carsten erzählte, dass er nach der Scheidung ein halbes Jahr lang jeden Abend Nudeln mit Pesto gegessen hatte, weil er sich nicht mehr erinnern konnte, was er eigentlich gern aß. Tjarda erzählte, dass sie nach dem Auszug zum ersten Mal im Leben ein Sofa gekauft hatte, das nur ihr gefiel: knallorange, völlig unpraktisch, eine Katastrophe für jeden Rotwein.

„Das klingt nach Selbstbehauptung“, sagte er.

„Das klingt nach einem Fleck“, sagte sie. „Aber ja. Auch.“

Hinter der Martinikirche, kurz vor der Wilhelm-Kaisen-Brücke, bogen sie ab in den Schnoor. Die Gassen dort sind so schmal, dass Carstens Schirm nicht mehr aufgespannt hindurchpasste. Er klappte ihn zu, und sie gingen dicht nebeneinander durch den Regen, zwischen den kleinen, windschiefen Häusern mit ihren Goldschmieden, Teestuben und Läden voller Holzspielzeug. An einer Stelle war die Gasse so eng, dass sich ihre Schultern berührten. Keiner von beiden machte Platz.

„Darf ich Sie etwas fragen?“, sagte Carsten, als sie vor einem Schaufenster mit Weihnachtskugeln standen. Im Oktober.

„Wir sind uns gegenseitig auf die Füße getreten“, sagte Tjarda. „Ich finde, wir können uns duzen.“

„Darf ich dich etwas fragen?“

„Ja.“

„Ist das hier ein Flirt? Ich frage ernsthaft. Ich erkenne das nicht mehr. Mir sind die Sensoren abhandengekommen.“

Tjarda sah ihn an. Er hatte Regentropfen in den Augenbrauen und wirkte so ehrlich verunsichert, dass ihr warm wurde, bis in die Fingerspitzen.

„Ich glaube schon“, sagte sie. „Aber ich bin auch aus der Übung. Vielleicht sollten wir einfach noch ein bisschen üben.“

Sie tranken Tee in einer winzigen Teestube, an einem Tisch, der für zwei Personen eigentlich zu klein war, sodass sich ihre Knie darunter berührten. Ostfriesentee mit Kluntje und Sahne, den man nicht umrühren darf. Carsten rührte um. Tjarda nahm ihm den Löffel weg, und ihre Finger blieben einen Moment länger auf seinen liegen, als es für eine Belehrung nötig gewesen wäre.

„Siehst du“, sagte er leise. „Das war ein Flirt. Den habe ich erkannt.“

„Glückwunsch“, sagte sie. „Du machst Fortschritte.“

Als sie später durch die Böttcherstraße zum Marktplatz gingen, hatte der Regen aufgehört. Vor dem Rathaus, neben dem Roland, der dort seit sechshundert Jahren steht und sich um niemanden kümmert, blieb Carsten stehen.

„Ich würde dich gern küssen“, sagte er. „Aber ich will nichts verdrehen. Also: rechts oder links?“

„Die Frau dreht nach links“, sagte Tjarda. „Das haben wir gelernt.“

Es war ein etwas schiefer Kuss, unter einem Himmel, der sich nicht entscheiden konnte, in einer Regenjacke, die dabei laut raschelte. Es war der beste Kuss, den sie seit Jahren bekommen hatte. Vielleicht gerade, weil er so ungeschickt war. Als sie sich voneinander lösten, merkte Tjarda, dass sie nicht darüber nachgedacht hatte, was sie mit ihren Händen machen sollte. Sie lagen einfach in seinem Nacken, als hätten sie das selbst entschieden.

Zum Salsakurs gingen sie übrigens doch wieder. Nicht in der nächsten Woche, aber im Frühjahr, zusammen, als Paar in der letzten Reihe. Yaneisy seufzte, als sie die beiden hereinkommen sah, und sagte: „Ah. Die Statistiker.“ Tjarda dreht inzwischen fast immer in die richtige Richtung. Carsten tritt ihr nur noch selten auf die Füße. Und wenn doch, dann lachen sie, und das, findet Tjarda, ist ohnehin der schwierigste Schritt.

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