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Weiße Turnschuhe am Rotenberg

Jule, 31 · Stuttgart

Die weißen Turnschuhe waren ein Fehler. Das wusste Jule spätestens, als sie in Obertürkheim aus der S-Bahn stieg und über den Dächern die Weinberge sah, die sich in der Septembersonne so steil in den Himmel schoben, als hätte jemand die Landschaft hochkant aufgestellt. Sie hatte die Schuhe am Morgen aus dem Karton genommen, weil sie neu waren und weil sie fand, dass zu einem ersten Treffen etwas Neues gehörte. Das Wort „Weinwanderung“ in seiner Nachricht hatte sie gelesen, natürlich. Sie hatte es nur irgendwie als hübsche Übertreibung abgespeichert. Als etwas, das man sagt, wenn man eigentlich „Spaziergang mit Aussicht“ meint.

Jule war einunddreißig, Ingenieurin bei einem Autozulieferer in Feuerbach, und sie verbrachte ihre Wochen damit, Toleranzen zu berechnen. Wie viel darf ein Bauteil abweichen, bevor es nicht mehr passt? Wie viel Hitze hält eine Dichtung aus? Bei Männern hatte sie diese Rechnung nie richtig hinbekommen. Entweder waren sie ihr zu glatt oder zu kompliziert, und der letzte, ein Unternehmensberater aus dem Stuttgarter Westen, hatte beim zweiten Date seine Aktienrendite erklärt, als wäre sie ein Vorspiel.

Konstantin dagegen hatte auf der Dating-Seite geschrieben, er sei Physiotherapeut in Bad Cannstatt, könne keine drei Sätze über Wein sagen, ohne sich zu blamieren, und habe trotzdem einen Lieblingsweg durch die Reben. Sein Profilfoto zeigte ihn lachend mit einem Hund, der nicht seiner war. „Der gehört meiner Schwester“, hatte er geschrieben. „Ich benutze ihn nur für Sympathiepunkte.“ Jule hatte laut gelacht, allein in ihrer Küche am Marienplatz, und sich dabei ertappt, wie sie noch zwanzig Minuten weitergetippt hatte.

Mit dem Bus fuhr sie hinauf nach Uhlbach, wo die Häuser sich eng an die Hänge drücken und das Weinbaumuseum in der Sonne döste. Konstantin stand schon an der Haltestelle. Er war größer als auf den Fotos, hatte die Ärmel seines karierten Hemds hochgekrempelt und trug auf dem Rücken einen Rucksack, der aussah, als wolle er damit den Kilimandscharo besteigen.

„Hallo“, sagte er, und dann sah er auf ihre Füße. Sein Blick blieb dort eine Sekunde zu lang. „Oh.“

„Ich weiß“, sagte Jule. „Die sind neu. Ich hab gedacht, wir gehen spazieren.“

„Wir gehen auch spazieren. Nur eben bergauf. Ziemlich lange bergauf.“ Er grinste. „Aber keine Sorge, ich bin Physiotherapeut. Wenn du dir was verstauchst, bist du in besten Händen.“

„Ist das ein Flirtversuch oder eine Drohung?“

„Kommt darauf an, wie steil es wird.“

Der Weinwanderweg schlängelte sich zwischen den Rebzeilen hinauf, vorbei an kleinen Weinberghäuschen und Trockenmauern, auf denen sich Eidechsen sonnten. Überall hingen die Trauben schwer und dunkel, Trollinger vermutlich, und ein paar Wengerter waren schon mit Eimern unterwegs. Jule versuchte, auf den Grasstreifen zu bleiben, wo der Boden trocken war. Konstantin beobachtete ihre Balanceakte mit wachsendem Vergnügen.

Nach einer halben Stunde blieb er stehen, stellte den Rucksack ab und fing an auszupacken. Jule sah fassungslos zu. Eine karierte Decke. Zwei echte Weingläser, in Geschirrtücher gewickelt. Eine Flasche Riesling, eine Flasche Wasser, eine Thermoskanne. Brezeln. Ein ganzer Zwiebelkuchen in einer Tupperdose. Drei Sorten Käse, Trauben – „Ja, ich weiß, wir stehen mitten in einem Weinberg“ –, eine Tafel Schokolade und schließlich, mit einer gewissen Feierlichkeit, ein kleiner Klapphocker.

„Der ist für dich“, sagte er. „Damit deine Hose sauber bleibt, wenn schon die Schuhe verloren sind.“

Jule setzte sich auf den Hocker und überschlug im Kopf das Gewicht. „Du hast mindestens zwölf Kilo hier hochgetragen.“

„Vierzehn“, sagte er. „Ich hab zu Hause gewogen. Ich wollte nicht, dass du hungrig wirst und mich deshalb langweilig findest.“

Das war so absurd und so ehrlich, dass sie nicht anders konnte, als ihn anzulächeln. Sie aßen Zwiebelkuchen mit den Fingern, tranken Riesling aus den geretteten Gläsern und sahen hinunter auf den Neckar, auf dem ein Frachtschiff langsam Richtung Esslingen zog. Er hörte zu, als sie von einer Dichtung erzählte, die sie seit Wochen um den Schlaf brachte, und fragte nach, als wäre es ein Krimi.

Der letzte Anstieg zur Grabkapelle auf dem Württemberg war der steilste. Der Weg war an einer Stelle von der Nacht noch feucht, rote Erde, glitschig wie Seife, und Jule rutschte. Nicht dramatisch, eher so, wie man auf einer Bananenschale in einem Stummfilm ausrutscht, mit rudernden Armen und einem Geräusch, das sie später leugnen würde. Konstantin fing sie am Ellbogen auf. Seine Hand war warm und fest, und er ließ sie nicht sofort los.

„Siehst du“, sagte er leise. „Beste Hände.“

„Du hast das geplant.“

„Ich hab den Zwiebelkuchen geplant. Das hier ist reines Glück.“

Sie sah hinunter. Der rechte Schuh war nicht mehr weiß, sondern von einem satten Terrakotta, der linke hatte einen Streifen abbekommen, der aussah wie ein modernes Kunstwerk. Jule wartete darauf, sich zu ärgern. Stattdessen musste sie lachen, so sehr, dass sie sich an seinem Arm festhalten musste, und er lachte mit, und irgendwann standen sie da, mitten im Weinberg, und hielten sich aneinander fest, ohne dass einer von beiden einen guten Grund dafür hatte.

Die Grabkapelle stand hell und klassizistisch auf der Kuppe, rund und würdevoll, gebaut von einem König für seine früh verstorbene Frau. Sie saßen auf der Mauer und schauten über das Neckartal bis hinüber zum Fernsehturm.

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„Ein König baut seiner Frau eine Kapelle, und du schleppst vierzehn Kilo Picknick“, sagte Jule.

„Ich bin eben kein König. Ich arbeite mit dem, was ich tragen kann.“

Sie sah ihn von der Seite an. Er hatte eine kleine Narbe über der Augenbraue und Lachfalten, die nicht so aussahen, als hätte er sie erst seit gestern. Jule dachte, dass es eine Sorte Nähe gibt, die sich nicht nach einem Plan anfühlt, sondern nach einem Wetterumschwung: Plötzlich ist die Luft anders, und man weiß nicht genau, seit wann.

Als die Sonne tiefer sank, stiegen sie auf der anderen Seite wieder hinunter nach Uhlbach. Am Ortsrand hing ein Reisigbesen über einem Hoftor, das Zeichen dafür, dass der Wengerter seinen eigenen Wein ausschenkte. Drinnen war es eng, warm und laut. Lange Holztische, karierte Tischdecken, Leute, die sich nicht kannten und trotzdem Schulter an Schulter saßen. Eine resolute Frau mit Schürze wies ihnen zwei Plätze neben einem älteren Ehepaar zu, das gerade Schlachtplatte aß.

Konstantin bestellte zwei Viertele Trollinger, Maultaschen für sich und Schupfnudeln mit Kraut für Jule. Der ältere Herr neben ihnen betrachtete Jules Schuhe mit dem Blick eines Kenners. „Grabkapelle?“, fragte er.

„Der letzte Anstieg“, sagte Jule.

„Des isch der Rotenberger Lehm“, sagte er zufrieden. „Den kriegsch nimmer raus. Des isch jetzt a Andenken.“

Seine Frau stieß ihn in die Seite und beugte sich dann verschwörerisch zu Jule herüber. „Mein Mann hat mich vor dreiundvierzig Jahren auch da hochgeschleppt“, sagte sie. „Ich hatte Sandalen an. Sandalen! Und er hatte nur ein Vesperbrot dabei. Ein einziges.“

„Er hatte vierzehn Kilo dabei“, sagte Jule und zeigte auf Konstantin.

Die alte Dame sah ihn lange an und nickte dann anerkennend. „Den würd ich behalte.“

Konstantin wurde rot. Tatsächlich rot, bis zu den Ohren, und Jule fand das so hinreißend, dass sie unter dem Tisch mit ihrem schmutzigen Schuh gegen seinen stieß. Er stieß zurück. Eine Weile ging das so, ein stummes, albernes Gespräch mit den Füßen, während oben die Unterhaltung über Weinjahrgänge und Kehrwochen weiterlief.

„Darf ich dir was gestehen?“, fragte er.

„Solange es nicht um Aktienrenditen geht.“ Er sah sie verwirrt an, und sie winkte ab. „Lange Geschichte. Erzähl.“

„Ich hab den Weg letzte Woche zweimal allein gelaufen. Zur Probe. Um zu wissen, wo man am besten Pause macht.“

Jule starrte ihn an. „Du hast das erste Date geprobt?“

„Nur die Route. Nicht die Gespräche.“ Er zögerte. „Die Stelle mit dem Lehm hab ich vergessen. Die war beim Probelauf trocken.“

Sie lachte so laut, dass die Frau mit der Schürze herübersah. Dann beugte sie sich zu ihm und küsste ihn, kurz, nach Trollinger und Zwiebeln schmeckend, und es war überhaupt nicht perfekt, und genau deshalb fühlte es sich richtig an. Als sie sich wieder löste, hatte er die Augen noch geschlossen.

„Das war nicht geprobt“, sagte er.

„Nein“, sagte Jule. „Das war die Toleranz.“

„Die was?“

„Erklär ich dir beim nächsten Mal.“

Sie fuhren gemeinsam mit dem letzten Bus hinunter nach Obertürkheim, sein Rucksack deutlich leichter, ihr Kopf deutlich voller. An der S-Bahn verabschiedeten sie sich mit einem zweiten Kuss, länger als der erste und ohne dass jemand zusah, bis die Bahn einfuhr und die Türen sich mit ihrem ungeduldigen Piepen öffneten. Zu Hause stellte Jule die Schuhe auf den Balkon. Sie hätte sie waschen können. Sie tat es nicht. Stattdessen schrieb sie ihm: „Nächstes Mal trage ich Wanderschuhe. Du trägst nur einen Käse.“ Die Antwort kam, bevor sie das Handy weglegen konnte: „Verhandlungsbasis: zwei Käse und ein Hocker.“ Jule sah auf die terrakottafarbenen Schuhe im Licht der Straßenlaterne und fand, dass sie noch nie so gut ausgesehen hatten.

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