SingleFrauenTreffen

Randnotizen in der Albertina

Nele, 24 · Leipzig

„Seite 87 ist eine Zumutung. Halten Sie durch. Ab Seite 112 wird es fast menschlich. – J.“

Der Zettel steckt zwischen zwei Kapiteln über Klassenführung, ein linierter Streifen, sauber aus einem Collegeblock gerissen, mit Bleistift beschrieben. Nele findet ihn an einem Dienstagabend im Oktober, im Lesesaal der Bibliotheca Albertina, wo sie seit drei Stunden versucht, sich auf ihre Hausarbeit zu konzentrieren, und seit zweieinhalb Stunden daran scheitert. Sie ist vierundzwanzig, studiert Lehramt für Deutsch und Geschichte, und das Buch in ihrer Hand ist so trocken, dass man damit Feuer machen könnte.

Sie blättert zu Seite 87. Er hat recht. Es ist eine Zumutung, eine Tabelle über Störungsarten im Unterricht, die aussieht wie der Fahrplan eines Güterbahnhofs. Sie blättert zu Seite 112. Dort steht, in derselben Handschrift, winzig am Rand: „Sehen Sie? Fast.“

Nele lacht so laut, dass zwei Jurastudenten am Nachbartisch sie strafend ansehen. Sie hält sich die Hand vor den Mund und starrt auf den Zettel. J. Wer schreibt heute noch mit Bleistift? Und wer siezt einen Fremden, den er nie gesehen hat, in einem Buch, das sonst nur verzweifelte Lehramtsstudenten ausleihen?

Sie hätte den Zettel wegwerfen können. Stattdessen reißt sie ein Blatt aus ihrem eigenen Block und schreibt: „Seite 112 war tatsächlich fast menschlich. Haben Sie noch mehr solche Überlebenstipps? – N.“ Sie legt den Zettel an dieselbe Stelle und gibt das Buch am nächsten Morgen zurück, mit einem Gefühl, als hätte sie eine Flaschenpost in die Pleiße geworfen.

Eine Woche passiert nichts. Nele vergisst die Sache fast. Dann, beim nächsten Besuch, sieht sie das Buch wieder im Regal der Lehrbuchsammlung stehen, und weil sie neugierig ist und weil es draußen regnet, zieht sie es heraus. Zwischen den Seiten steckt ein neuer Zettel.

„Liebe N., Überlebenstipp Nummer eins: Nie vor zehn Uhr etwas über Didaktik lesen. Nummer zwei: Im dritten Stock gibt es einen Band mit Briefen von Theodor Fontane. Signatur steht auf der Rückseite. Seite 43. – J.“

Nele steigt in den dritten Stock. Sie findet den Band, einen abgegriffenen Leineneinband, und auf Seite 43 liegt ein weiterer Zettel. Fontane schreibt dort an seine Frau über das Wetter in England, und J. hat daneben notiert: „Der Mann konnte über Regen schreiben, als wäre es ein Liebesbrief. Das sollte man an Schulen unterrichten.“

So geht es drei Wochen lang. Ein Zettel führt zum nächsten Buch, das nächste Buch zu einem neuen Zettel. Ein Bildband über den Leipziger Industriehafen. Ein Gedichtband von Sarah Kirsch. Ein erstaunlich spannendes Werk über die Geschichte der Baumwollspinnerei in Plagwitz. Nele antwortet jedes Mal, legt ihre Zettel zurück, schickt ihn ihrerseits auf die Suche: nach einem Kinderbuch, das sie als Kind geliebt hat, nach einem Kapitel über die Montagsdemonstrationen, bei dem ihre Oma geweint hat. Sie schreiben sich nicht, wer sie sind. Sie schreiben sich, was sie mögen. Und irgendwie ist das viel intimer.

Ihre Mitbewohnerin Merle, die Medizin studiert und für Romantik nur Diagnosen übrig hat, hält die Sache für bedenklich. „Das ist entweder der süßeste Mensch Leipzigs oder ein Serienmörder mit sehr gutem Literaturgeschmack“, sagt sie beim Abendessen in ihrer WG-Küche in Connewitz.

„Serienmörder benutzen keine Bleistifte“, sagt Nele.

„Woher willst du das wissen?“

„Die sind nicht geduldig genug.“

Der letzte Zettel liegt in dem Buch über die Spinnerei, auf der Seite mit einem alten Foto der Fabrikhallen. Die Handschrift ist ein bisschen zittriger als sonst, als hätte er länger überlegt. „Liebe N., ich glaube, wir haben die Bibliothek fast durchgelesen. Samstag, 14 Uhr, Bootsverleih am Karl-Heine-Kanal in Plagwitz? Wenn Sie nicht kommen, lege ich einen Zettel ins Wasser und rede mir ein, er sei angekommen. Ich bin der mit dem Buch. – J.“

Am Samstag fährt Nele mit der Straßenbahn nach Plagwitz und steigt eine Station zu früh aus, um sich unterwegs noch dreimal umentscheiden zu können. Die Sonne steht tief über den Backsteinfassaden, die Kastanien am Kanalufer werfen ihre letzten Blätter ab, und auf dem Wasser treiben ein paar Kanus wie bunte Striche. In ihrem Kopf hat J. inzwischen eine feste Gestalt angenommen: älter, vielleicht Anfang dreißig, mit Brille und Cordsakko, ein Mann, der Fontane zitiert und beim Kaffee den Löffel ordentlich auf die Untertasse legt.

Am Bootsverleih steht ein junger Mann in Regenjacke, auf dem Kopf noch einen Fahrradhelm, den er offenbar vergessen hat. In der Hand hält er den Fontane-Band aus dem dritten Stock. Er ist höchstens fünfundzwanzig, hat Sommersprossen und Haare, die in drei Richtungen gleichzeitig wollen.

„N.?“, fragt er, und seine Stimme kippt dabei ein bisschen.

„J.?“

Bereit für dein eigenes erstes Date?

Jede dieser Geschichten hat mit einer einzigen Nachricht angefangen. Deine könnte heute beginnen: anonym anmelden, Ort eingeben, Hallo sagen.

Jetzt Single Frauen treffen

„Jakob. Geografie, Master. Ich hab das Buch übrigens überzogen. Die Albertina schickt mir wahrscheinlich schon eine Mahnung.“ Er sieht auf seinen Kopf, bemerkt den Helm und nimmt ihn ab, als hätte ihn jemand dabei erwischt, im Schlafanzug zur Tür zu gehen. „Ich hab mir vorgestellt, du wärst älter. Irgendwie strenger. Mit Dutt.“

„Ich hab mir dich mit Cordsakko vorgestellt.“

„Ich besitze tatsächlich eins“, sagt er. „Aber nicht zum Paddeln.“

Sie mieten einen Kanadier, grün und zerkratzt, und der Mann vom Verleih erklärt ihnen die Paddeltechnik mit der Geduld eines Menschen, der weiß, dass es nichts nützen wird. Nele sitzt hinten und soll steuern. Das Ergebnis ist ein langsamer, eleganter Kreis, den sie zweimal wiederholen, bevor sie überhaupt die erste Brücke erreichen. Jakob dreht sich um, das Paddel quer über den Knien.

„Ich glaube, wir fahren gerade zurück zu unserem Anfang.“

„Das ist Absicht“, sagt Nele. „Sehr literarisch. Ringkomposition.“

Irgendwann haben sie den Dreh raus. Sie gleiten unter den alten Brücken hindurch, vorbei an Gärten, die bis ans Wasser reichen, an Graffiti und an Fabrikfenstern, hinter denen heute Ateliers und Wohnungen liegen. Am Stelzenhaus, das auf seinen Betonbeinen über dem Kanal steht wie ein Reiher, sitzen Leute auf der Terrasse und heben ihre Gläser, als die beiden vorbeitreiben. Jakob erzählt, dass man den Wasserweg von hier aus einmal bis zur Saale verlängern wollte und der Kanal dorthin nie fertig geworden ist. „Ein Wasserweg ins Nichts“, sagt er. „Ich finde, das hat was.“

„Wie unsere Zettel“, sagt Nele. „Man weiß nie, ob am anderen Ende jemand ist.“

Er sieht sie über die Schulter an, und für einen Moment vergessen beide zu paddeln. Das Kanu dreht sich sachte, bis sie quer zum Kanal liegen, und ein Schwan beschwert sich lautstark. Jakob lacht, Nele lacht, und dann bewegt er sich zu schnell, das Boot schwankt, und sie greifen beide nach dem Rand. Ihre Hände landen übereinander. Sie bleiben dort liegen, auch als das Kanu längst wieder ruhig ist.

Später, das Boot zurückgegeben und die Hosen nur ein bisschen nass, laufen sie hinüber zur Spinnerei. Zwischen den riesigen Backsteinhallen ist es fast still, nur aus einer Galerie dringen Stimmen, eine Vernissage mit Weißwein in Plastikbechern und Menschen in schwarzen Rollkragenpullovern. Sie schmuggeln sich hinein, stehen vor großformatigen Bildern, auf denen Nele nichts erkennt außer Mut, und Jakob flüstert ihr absurde Deutungen ins Ohr, bis sie sich auf die Lippe beißen muss, um nicht loszuprusten.

Draußen ist es dunkel geworden. Im Hof stehen sie unter einer einzelnen Laterne, und Jakob kramt in seiner Jackentasche.

„Ich hab noch einen“, sagt er und reicht ihr einen gefalteten Zettel. „Den hab ich gestern geschrieben. Für den Fall, dass du gekommen bist und es schrecklich war. Oder dass du gekommen bist und es schön war. Ich wusste nicht, welcher Fall eintritt.“

Nele faltet ihn auf. Mit Bleistift, in der vertrauten Handschrift, steht dort nur ein Satz: „Ab jetzt würde ich gern ohne Bücher dazwischen weiterreden.“

Sie liest ihn zweimal. Dann holt sie einen Kugelschreiber aus der Tasche, schreibt etwas auf die Rückseite, faltet das Papier wieder zusammen und steckt es ihm in die Brusttasche seiner Regenjacke. Ihre Hand bleibt einen Moment dort liegen, wo sein Herz ungefähr doppelt so schnell schlägt wie ihres.

„Nicht jetzt lesen“, sagt sie. „Zu Hause.“

„Das ist Folter.“

„Das ist Didaktik. Seite 87.“

Er lacht, und dann küsst sie ihn, einfach so, unter der Laterne der Spinnerei, mit dem Geschmack von billigem Vernissagewein auf den Lippen. Es ist ein kurzer Kuss, einer, der nach mehr fragt, ohne es zu verlangen. Als sie sich löst, hat er die Hand auf der Brusttasche, als müsse er den Zettel festhalten.

In der Straßenbahn zurück nach Connewitz summt ihr Handy. Eine Nachricht von einer unbekannten Nummer, der Nummer, die sie ihm auf die Rückseite geschrieben hat. Er hat also nicht bis zu Hause gewartet: „Seite 112. Fast menschlich. Nein. Ganz.“ Nele lehnt die Stirn an die kühle Scheibe, sieht die Lichter der Karl-Heine-Straße vorbeiziehen und beschließt, das Buch über Klassenführung nie wieder zurückzugeben. Die Mahnung wird sie gern bezahlen.

Single-Frauen in deiner Nähe Leipzig

Mehr Geschichten

Ein Ticket übrig in Mülheim

Donnerstag, kurz vor sechs: Die beste Freundin liegt flach, das zweite Konzertticket ist übrig. Aylin schreibt Jannik, den sie nur aus dem Chat kennt. Zwei Stunden später stehen sie vor dem E-Werk in Mülheim.

Aylin, 26 · Köln

Weiße Turnschuhe am Rotenberg

Jule hält die Weinwanderung für einen Spaziergang und kommt in nagelneuen weißen Turnschuhen. Konstantin schleppt ein Picknick für eine halbe Kompanie auf den Rotenberg. Am Abend sitzen beide im Besen in Uhlbach – mit Lehm an den Schuhen.

Jule, 31 · Stuttgart

Links herum durchs Viertel

Tjarda koordiniert im Hafen ganze Containerschiffe, nur ihre eigenen Füße nicht. Ein Jahr nach der Trennung landet sie im Salsakurs am Ostertorsteinweg – und bei einem Mann, der genauso schlecht tanzt wie sie.

Tjarda, 39 · Bremen

Bereit für dein eigenes erstes Date?

Jede dieser Geschichten hat mit einer einzigen Nachricht angefangen. Deine könnte heute beginnen: anonym anmelden, Ort eingeben, Hallo sagen.

Jetzt Single Frauen treffen
Gratis anmelden
Gratis Single-Frauen treffen

Bist du schon 18 Jahre alt?

Auf dieser Seite geht es um Dates und Begegnungen zwischen Erwachsenen, deshalb ist sie nur für Personen ab 18 Jahren gedacht. Wenn du weiterklickst, bestätigst du, dass du volljährig bist und Inhalte rund um Flirts und Treffen sehen möchtest.